Celebration of Life
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Frohn: Die berührendsten Violin-Soli
Mein herzliches Beileid.
Mein Respekt gilt einem leidenschaftlichen Vollblut-Musiker und Kollegen, der mir immer sehr freundschaftlich begegnet ist.
Ich habe von ihm die allerschönsten und berührendsten Violin-Soli gehört
(Traviata, Martern-Arie !!, FROSCH).
AL, C. Frohn
Roman: Kommentar zu Heavy Metal
Die Toleranz meines Vaters gegenüber nicht-klassischer Musik war, sagen wir einmal, sehr beschränkt. Dennoch hatte mein Vater sich einmal dazu durchgerungen, in einen Livemittschnitt meiner Band hineinzuhören. Es muss so um 2018 gewesen sein. Und er musste hineingehört haben, denn sein Kommentar, sein einziges Kommentar, war: „ Deine Sängerin intoniert falsch“.
Erich und Master of Puppets von Metallica, eine sehr kurze Geschichte…
Roman Binder
(Sohn)
Agnes: Hingabe
Erich bleibt mir als ein Mann mit leidenschaftlicher Hingabe an seine Familie in Erinnerung...
Ich erinnere mich sehr gerne daran, wie János Ferencsik aufgrund einer Erkrankung Beethovens Pastoralsinfonie mit dem Àllam-Konzertorchester an der Musikakademie dirigierte...
(Ages: Schwägerin)
Originaltext ungarisch:
Agnes K.
"Erich emlékeimben mint szenvedélyes hivatástudatú és családjához ragaszkodó ember él...
Nagyon szép emlékem, amikor Ferencsik János megbetegedése miatt a Beethoven Pastoral szimfóniát vezényelte az Àllami Hangverseny zenekarral a Zeneakadémián..."
Roman: Geigeneinlage in der Csarda
Papa,
wir hatten nicht wirklich das beste Verhältnis. Es gab aber Situationen und Momente, wo ich stolz auf Dich war, und ich habe es Dir nie gesagt.
Zum Beispiel: Wir waren auf Urlaub in Ungarn und hatten mit einigen Freunden ein Essen in einer Csarda mit einer Roma-Kapelle, die nicht sehr motiviert vor sich hinfidelte. Du bist aufgestanden und batest darum Geige spielen zu dürfen. Als Du die Geige gestimmt hast, haben sich die Musiker mit wissenden Blicken, a la : oje ein Möchtegern, angesehen. Als Du dann aber zu spielen begonnen hast sind denen die Kinnladen heruntergefallen. Deren Blicke werde ich nie vergessen. Dannach spielten sie so gut, wie wahrscheinlich niemals zuvor und danach. Auch suchten sie nach jeder Nummer Bestaetigung bei Dir, ich war irgendetwas zw 7 und 12 Jahre alt und mächtig stolz.
Roman Binder
(Sohn)
Teréz: Musik, Musik, Musik
Ich werde Erich immer in guter und liebevoller Erinnerung behalten.
Musik, Musik und noch mehr Musik ...!
Ich sehe und höre ihn und Apu noch deutlich, wie sie gemeinsam nahezu in Trance einer Oper oder einem Musikstück lauschen und singen.
Einer dieser einprägsamen Momente war bei unserer Großmutter, Mamika in der Gyorskocsi-Straße: La Bohème. Ich glaube, dieses Erlebnis war der Grund, warum sich jede einzelne Note, jeder Ton, so tief und bewegend in mir verankert hat.
Auch das Herumgesause mit dem Auto in Leányfalu - wir saßen immer mit viel mehr Personen im Auto als erlaubt … - Er scherzte immer, wir sollen uns beim Wort "Polizei" ducken und die Köpfe einziehen. Wie viel wir gelacht haben! Auch er.
Seine Kunst war einzigartig.
Ich habe unzählige Kassetten mit Aufnahmen berühmter Geigenvirtuosen von ihm bekommen - so hörte ich beispielsweise erstmals von Leonid Kogan.
Er schenkte mir Geigen und Geigenbögen, mit so viel Liebe!
Ich hatte immer den Wunsch, erwachsen und mit meinem heutigen Blick auf alles, nochmal für ihn zu spielen. Leider kam es nicht mehr dazu…
Denn als ich klein war, mit meinem kindlichen Kopf, habe ich vor Aufregung fast gezittert, als er mich darum bat, Geige zu spielen! Damals habe ich es noch nicht verstanden.
Und natürlich mit Anna,..." dann die Schönste..."die Arbeit an der Abendempfindung.
Wie ein Mäuschen, keinen Mucks von mir gebend, habe ich sie beobachtet und ihnen gelauscht.
Noch einmal, noch einmal!...
Ruhe in Frieden, Erich!
musiziert mit Apu weiter...
Originaltext ungarisch
Teréz: (Tochter von Schwägerin, Geigerin)
"Mindig szeretettel emlèkszem Erichre.
A zene zene es meg tobb zene ...!
Tisztan latom es hallom ahogy Apuval szinte
transzban hallgatnak es enekelnek egy - egy Operat vagy művet.
Egy ilyen èles emlek - Mamikanal a Gyorskocsi u- ban: Bohèmèlet .szerintem ez meghatarozta hogy.minden egyes hangja belem ivodott.
Leanyfalui autos szaguldasok / mindig tobben ultunk mint szabalyos/
Hulyeskedett hogy ha mondja " Polizei" egy fejet eldugni / ..mennyit nevettunk!!
O is.
Muveszete egyedi volt .
Rengeteg kazettat kaptam tole hires heg.muveszek felveteleit - ìgy szereztem tudomast pl.
Leonyid Kogan - ròl.
Hegedűt ,vonòt kaptam tőle,csupa szìvvel adta!!
Minden vagyam volt hogy egyszer igy felnott fejjel ujra jatszhassam neki. Nem kerult ra sor màr..
Hiszen kislany fejjel szinte reszkettem ha megkert hogy valamit hegeduljek!! Akkor meg nem ertettem.
Es persze Annaval a " Dann die schönste.." -
Abendenpfindung azt hiszem.
Kuksoltam es hallgattam oket...
Noch ein mal ,noch ein mal!-
Nyogodj bekeben Erich !
Apuval muzsikaljatok tovabb....."
Anna: Musikalische Begleitung in eine grosse Gesangskarriere
Ich habe viele Erlebnisse mit Erich, besonders in Bezug auf die Musik.
Beispielsweise das Vorsingen bei Hilda de Groote, meiner ersten Lehrerin in Wien. Oder das Vorsingen im ORF-Chor,- dem Beginn meines Weges zum Auslandsstudium,- zu dem er mich begleitete.
Oder auch die vielen Maria-Callas-Aufnahmen, die er mir auf Kassette überspielte und die ich mir später so oft anhörte.
Müsste ich wählen, so würde mir aber eine sehr intensive Erinnerung einfallen: Die Arbeit an Mozarts Lied "Abendempfindung". Ich erinnere mich noch immer sehr lebhaft an die stundenlange, akribische und detaillierte Arbeit im Wohnzimmer in der Eichendorffgasse.
Erich blieb bei jedem Takt stehen und gab zu fast jeder Note Anmerkungen. Wir wiederholten und wiederholten. Er war fast nie zufrieden. Phrasierung, Betonung, Text und Dynamik. Damals verstand ich nicht, warum so viele Wiederholungen notwendig waren – ich konnte es einfach nicht besser. Heute verstehe ich es natürlich völlig... Ähnlich arbeite ich mittlerweile auch mit meinen Studenten. Bis heute habe ich die Notizen in meinen Noten, nicht wenige davon stammen aus seiner Hand. Ich habe "Abendempfindung" seither viele Male gesungen, und die eindrückliche Arbeit mit ihm steckt stets hinter meiner Interpretation.
Anna Korondi
(Sängerin, Gesangslehrerin Berlin - Tochter von Schwägerin)
Grabrede
Ein Streifzug durch das Leben des Erich Binder
(verfasst von der Tochter Claudia Binder)
Abschiedsfeier für Erich Binder am 5.4.2024, 16.00 Uhr, Wald der Ewigkeit, Mauerbach, Baum 5, 10-20 Personen
1. Einleitung
Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde, wir sind heute hier zusammengekommen, um von Erich Binder Abschied zu nehmen und seine irdische Hülle hier bei diesem Baum zur letzten Ruhe zu betten.
Zu Beginn hören wir ein Musikstück von Gershwin- Heifez: Diese Aufnahme entstammt der ORF Fernseh-Show „Was schätzen Sie“. Es unterstreicht die Virtuosität - sowohl an der Geige als auch auf dem Klavier. Diese Aufnahme ist einzigartig, da Erich Binder sich selbst begleitet.
1. Musikstück: Gershwin-Heifetz / Bess, you is my woman now
2. Persönliche Worte (Part 1 - der Musiker Erich)
Ich darf nun die persönlichen Worte vortragen, die von der Familie zusammengestellt wurden:
Erich Binder wurde am 6.12.1947 in Wien in einem sehr bescheidenen, komplett unmusikalischen Elternhaus geboren. Der Vater Eugen war Uhrmacher, die Mutter Hausfrau.
Aus unerfindlichen Gründen war der kleine Erich vernarrt und fasziniert von klassischer Musik und begann im Alter von 5 Jahren mit dem Klavierunterricht und mit 7 Jahren bei den Sängerknaben auch mit Violinunterricht. Mozart- gleich trat er mit 7-Jahren schon öffentlich als Pianist auf und mit 14 Jahren jobbte er bereits als Organist und später - mit 16 Jahren - als Chorleiter für einen Kirchenchor und als Korrepetitor.
Der Geigenunterricht bei Frau Edith Steinbauer war für Erich ganz besonders prägend, da sie sein besonderes Talent erkannte und - wo immer sie konnte - auch förderte, selbst über das Hochschul- Studium hinaus.
Die Stationen des Künstlers Erich Binder
1952 - erster Unterricht in Klavier und Harmonielehre bei Marie Wesely in Wien
1954 - Mitglied der Wiener Sängerknaben - Beginn des Unterrichts in Violine
- erstes öffentliches Auftreten als Pianist
1956-1972
- Musik-Studium an der Wiener Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bei Edith Steinbauer (Violine), Maria Hinterleitner (Klavier), Alfred Uhl (Komposition) und Hans Swarowsky (Dirigieren) 1957
- Beginn des Studiums der Opernliteratur
1961 – 1966
- Organist und Chorleiter an einer Wiener Kirche - Gast beim musikdramatischen Unterricht der Opernabteilung der Wiener Musikhochschule
1963 – 1965
Korrepetitor in den Musikhochschulklassen der Professoren Rado, Mardayn, Moeller und Kolo
1966 – 1968
- Konzertmeister und fallweise Dirigent beim Kurorchester Bregenz - Primgeiger im Orchester der Wiener Volksoper
1968 – 1973
- Primgeiger der Wiener Philharmoniker und im Orchester der Wiener Staatsoper
1971
- Gründer und Primus des 'Neuen Wiener Oktetts'
1971 – 1973
- Primus des 'Nicolai-Quartetts'
1973 – 1974
- 1. Konzertmeister bei den 'Bayreuther Festspielen'
1973 – 1975
- 1. Konzertmeister beim NDR-Sinfonieorchester in Hamburg
Seit 1974
- 1. Konzertmeister der Wiener Philharmoniker und im Orchester der Wiener Staatsoper
Während des Studiums war Erich mit einem Jugendorchester unterwegs in Österreich, wo er Klara kennenlernte, eine junge Cellistin aus Ungarn. Sie kamen damals in näheren Kontakt, weil sie verzweifelt nach einer Unterkunft suchte. Erich bot Klara an, bei seiner Vermieterin nachzufragen, ob sie nicht noch ein weiteres Zimmer in Untermiete zu vergeben hätte.
Danach gab es einen heftigen Unfall mit der Vespa - und schon wurde aus der kleinen Sommer- Liebelei etwas Ernstes. Erich und Klara feierten Hochzeit und gründeten eine Familie: 1970 kam Claudia zur Welt, 1973 folgte Roman.
Erichs berufliche Karriere ging mit sieben-Meilen- Stiefeln weiter. Konzertmeister der Wiener Staatsoper und der Wiener Philharmoniker zu sein, war definitiv nicht genug für ihn.
Erich wollte den großen Durchbruch als Dirigent in allen renommierten Opernhäusern. Und es schaute sehr vielversprechend aus, denn in den Jahren 1979 - 1999 startete seine Karriere komplett durch:
1977
- Preisträger beim 'Internationalen Hans Swarowsky Dirigenten-Wettbewerb' in Wien
1979
- offizielles Debut als Dirigent des 'Don Pasquale' (Donizetti) mit dem Ensemble der Wiener Staatsoper in Waidhofen an der Ybbs
- Vordirigieren mit den Wiener Philharmonikern für Herbert von Karajan
- in Paris Einstudierung der 'Götterdämmerung' (Wagner) für Giuseppe Patane
- Gast-Dirigate in Bregenz, Bremen, Budapest, Hamburg und Wiesbaden
1980
- an der Wiener Volksoper Neuproduktion der Opern 'Zar und Zimmermann' (Lortzing) und 'Hansel und Gretel' (Humperdinck) - in Budapest Neueinstudierung der 'Entführung aus dem Serail' (Mozart)
1981
- berühmt gewordenes Einspringen ohne Probe für Christoph von Dohnänyi beim Konzert der Wiener Philharmoniker mit Strawinskys 'Sacre du Printemps' und drei Tage später in der Wiener Staatsoper mit 'Der Rosenkavalier' (Richard Strauss)
- Debut in der Bayerischen Staatsoper in München mit Mozarts 'Don Giovanni.
- 1. Preis beim 'Dr. Karl-Böhm-Dirigenten- wettbewerb' in Salzburg und Sonderpreis der 'Alban-Berg-Stiftung'
- TV-Konzert 'In mernoriam Karl Böhrm“ in Venedig
1982
- Debut im Teatro alla Scala in Mailand mit 'Sheherazade. (Rimsky-Korssakoff) und 'Josephslegende' (Richard Strauss) - Dirigent der Japan-Gastspielreise mit der Wiener Volksoper - Dirigent bei den 'Bregenzer Festspielen'
Seit 1982
- regulärer Dirigier-Vertrag mit der Wiener Staatsoper
1983
- TV-Konzert bei der RAI in Mailand
von der Kritik als sensationell bewertetes Einspringen für Giuseppe Patane als Dirigent von „La Boheme“ (Puccini) mit Mirella Freni und Placido Domingo in der Wiener Staatsoper
- Übernahme einer Tournee des Ungarischen Staatsorchesters anstelle des erkrankten Dirigenten Janos Ferencsik
- anstelle des erkrankten Dirigenten Lorin Maazel kurzfristige Übernahme und außergewöhnlich begeistert akklamierte Vorstellung des 'Tannhäuser' (Wagner) in der Wiener Staatsoper - Verleihung des 'Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst
Erichs Repertoire umfasste mehr als 60 Opern und rund 300 symphonische Werke.
1992 hat Erich Binder die Wiener Philharmoniker verlassen, um sich nur noch dem Dirigieren zu widmen, manchmal ist er aber auch als Sollst aufgetreten.
1998 leitete er in Japan während einer Tournee sieben Mal das Yomiuri-Nippon- Symphony- Orchestra mit Beethovens „Eroica" und spielte davor selbst den Solopart des Violinkonzertes. Kritiker verglichen ihn mit Carlos Kleiber.
Über das Leben von Erich Binder in der Zeit von 1999 bis 2023 ist der Familie nicht viel bekannt. Sicher ist, dass Erich Unterricht gegeben hat. Er hat auch in diversen kleinen Produktionen im In- und Ausland (Japan) mitgewirkt. Es gab Auftritte mit Streichquartetten und viele Liederabende.
Möchte noch jemand dazu etwas sagen? ............................................................... ............................................................... ...............................................................
Das nächste musikalisches Stück ist ein Duett aus „La Bohème“ mit Placido Domingo und Mirella Freni aus der Wiener Staatsoper 1980. Es ist ein Mittschnitt der Haustechnik. Das Besondere dieser Aufnahme ist, dass der Dirigent, Guiseppe Patanè, wohlgemerkt während der Vorstellung den Taktstock wegwarf und ging, nur weil ein Hornist gickste.
Erich Binder in seiner Funktion als Konzertmeister hat sofort übernommen. Als Dank für diese hervorragende Leistung und Einsatz hat der damalige Operndirektor Lorin Mazel ihm quasi zur Belohnung die nächste Vorstellung als Dirigent zugestanden. Das ist die Aufnahme dieser Vorstellung:
2. Musikstück: Duett Boheme / Domingo - Freni
3. Persönliche Worte (Part2 - Der Mensch Erich)
Wir haben viel über den Musiker Erich Binder gesprochen. Aber abseits der Musik – wie war Erich als Mensch, als Ehemann, als Vater?
Erich Binder war alles andere als ein Familienmensch oder Vorzeigevater. Er war 24/7 in der Welt der Musik – ja sogar in seinen Träumen! Im Traum summte er vor sich hin oder dirigierte in die Luft.
Es passierte nicht nur einmal, dass er seine Kinder in der Badewanne vergessen hatte und das Badewasser schon eiskalt war. Und - apropos Badewanne - auch er hatte sich immer wieder von der Musik ablenken lassen, sodass er sich fast schon als sonntägliches Ritual 3x ein heißes Bad einließ, aber es dann wieder ablassen musste, weil es abgekühlt war. Dafür war in der gesamten
Wohnung umso mehr Luftfeuchtigkeit - wie in einem türkischen Dampfbad.
Erichs Abgelenktheit zeigte sich darin, dass er immer wieder die Zeit vergaß, zum Beispiel am letzten Drücker zum Flughafen hetzte und Klara - in letzter Sekunde - mit dem Taxi noch einen Frack oder den Reisepass nachbringen musste.
Es war einfach “typisch Erich”... Er war immer in irgendwelchen musikalischen Sphären, aber definitiv nicht mit beiden Füßen im realen Leben, was durchaus zu witzigen Anekdoten führte.
Es ist oft passiert, dass Klara die Kinder bettfertig gemacht hat, weil sie selbst Dienst in der Volksoper hatte. Erich war aber beim vereinbarten Kinderdienst nicht da und auch in der Staatsopern- Kantine nicht aufzufinden. Handy gab es damals noch nicht, also nahm Klara die Kinder im Pyjama in die Volksoper mit.
Claudia und Roman bleiben daher einzigartige Kindheitserinnerungen: Entweder haben sie sich mit Portier und Orchesterwarten amüsiert oder saßen hundemüde bei den Bläsern im Orchestergraben.
Erich war der Vater, der morgens aufstand, einen Kaffee trank und dann in seinem blauen Bademantel mit Kopfhörern und Tonbandgerät, Zigaretten rauchend im Garten saß und irgendwelche Partituren durchhörte.
Daher ist Erichs Urne auch blau.
Familie, Haushalt, Gartenarbeit, Hilfe bei den Schulaufgaben und sonstiger Familienkram existierten für Erich nicht wirklich.
Außer es gab hohen Besuch! Die Aufregung von Erich bleibt für alle unvergesslich, als Placido Domingo und Zubin Metha im Hause Binder zum Essen eingeladen waren. Da gab es ein Riesen- Trara!
Es waren aber nicht immer nur "große Namen” zu Besuch, sondern sehr oft Freunde, Musiker, Sänger und Sängerinnen aus aller Welt und es wurde musiziert, gelacht, getrunken und bis spät in die Nacht Musik gehört oder irgendwelche Arien einstudiert. Ein Wunder, dass die Nachbarn das mitgemacht haben!
Singvögel waren Erichs Lieblingstiere. Am Anfang kaufte er Zebrafinken und dann immer wieder Kanarienvögel. Niemand weiß, warum Erich diese nervtötenden Vögel so schätzte, denn er war ja selten zu Hause und falls doch, hatte er immer Kopfhörer auf.
Erich stand unter „Dauerstrom”. Und er stand gerne im Mittelpunkt. Er konnte sehr charmant, lustig und eloquent sein. Und es gab das andere Extrem: Da war er komplett zurückgezogen in seiner Musikwelt. Es gab nur diese beiden Pole: 150% oder null.
Sein Sohn Roman erinnert sich an einen Urlaub in Ungarn, als er 7 Jahre alt war:
“Wir hatten mit einigen Freunden ein Essen in einer Csarda mit einer urigen Zigeuner-Kapelle, die nicht sehr motiviert vor sich hin fiedelte. Papa ist aufgestanden und hat darum gebeten, Geige spielen zu dürfen. Als Papa zunächst einmal nur die Geige gestimmt hat, haben sich die Musiker mit „wissenden“ Blicken angesehen: Na super! Schon wieder so ein Möchtegern! Als Papa dann aber zu spielen begonnen hat, sind den Musikern und allen Gästen im Restaurant die Kinnladen heruntergefallen.
Deren Blicke werde ich nie vergessen. Nach Papas Einlage spielte die Kapelle so gut, wie wahrscheinlich niemals zuvor und danach. Die Musiker suchten nach jeder Nummer Bestätigung bei Papa. Und ich war mächtig stolz auf ihn.”
Erich hatte auch Schattenseiten. Er hatte in musikalischer Hinsicht sehr hohen Ansprüche an sich selbst und seine Mitmenschen. Dazu sein spöttischer Hochmut, mit denen er vor allem als Dirigent seine Kollegen vor den Kopf stieß.
Geduld und Mitgefühl waren nicht gerade Erichs Stärken. Vermutlich war es genau sein soziales Verhalten und definitiv nicht sein musikalisches Talent, welches dazu führte, dass sich der rote Teppich des Erfolges am Zenit seiner Karriere plötzlich zurückzog.
Erich hatte es sich mit den wichtigsten Machtträgern im Musik-Business verscherzt und man bat ihn höflich - möglichst ohne Gesichtsverlust - die Philharmoniker und die Staatsoper zu verlassen.
Hinzu kamen auch noch private Dramen, einige Affären, ein uneheliches Kind – Oliver. Schließlich zerbrach auch seine Ehe mit Klara.
Erich heiratete Helga und hatte mit ihr ein Haus im Raum Gänserndorf. Der Verlust seiner Karriere und der Kontakt zu seiner ersten Familie, zu seinen Kindern und mittlerweile 4 Enkelkindern erfuhr während 30 Jahren keine Aussprachen oder Heilung. Dazu wurden Erichs gesundheitliche Probleme immer größer.
Nach einer dritten - kurzen - Ehe mit Silvi, mit der Erich sich im Raum Brunn am Gebirge niederließ, lebte er die letzten Jahre allein und bescheiden in einer kleinen Untermietswohnung in Brunn. Von der Nachbarin war zu erfahren, dass er noch bis vor kurzem Geigenunterricht gegeben hat und dass er bis zum Ende seines Lebens selbst auf der Geige gespielt hat.
Es war ein Pankreas-Karzinom, welches dafür verantwortlich war, dass es Erich sehr rasch sehr schlecht und sein Leben zu Ende ging. In Anspielung an seine Lieblingsoper “Tristan & Isolde” war es schade, dass das Leben für ihn statt des todbringenden Gifts keinen erquickenden Liebestrank bereitgestellt hat.
Es hat etwas von der Tragik italienischer Opern, dass Erich im Grunde nie gesehen und gefühlt hat, dass er von allen - trotz seiner manchmal anstrengenden Art - durchaus geliebt, geschätzt und wegen seines Talentes zutiefst bewundert wurde.
Ich darf nun noch ein paar abschließende Worte von Erichs Tochter Claudia vortragen:
„Papa, ich habe es nach fast 30 Jahren des Schweigens mehr als mutig von Dir gefunden, mit mir wieder in Kontakt zu treten und zumindest via E-Mail einige Dinge auszusprechen, zu klären.
Ich konnte Dir meine Version der Wahrnehmung unserer Kindheit mitteilen und Dir gleichzeitig versichern, dass ich Dir schon längst vergeben hätte und dass auch mir so einige Dinge leidtäten.
Es ist zwar sehr schade, dass diese ersten Schritte der Annäherung nicht weitere Früchte trugen, dennoch schwingt tröstlich in mir nach, dass wir uns zumindest unsere Liebe versichert und gegenseitige Wertschätzung zum Ausdruck gebracht haben. Die Essenz dieses Briefwechsels hinterlässt zumindest die Gewissheit, dass es Nichts mehr gibt, was zu klären wäre...
Papa! Mögest Du dort, wo Du gerade bist, Deinen Frieden finden und uns alle - die wir hier zu Deinen Ehren versammelt sind - sehen und spüren, wie sehr wir dich alle trotz Deiner Schrullen im Grunde unseres Herzens geliebt haben.
Möge Dein Himmel voller Geigen und Musik sein! "
4. Zum Schluss
Zum Abschluss der heutigen Feier hören wir die Ouvertüre zu Faust, aus der Wiener Staatsoper, eine ORF-Liveübertragung aus dem Jahr 1985.
Unmittelbar vor der Première – eine Neuinszenierung von Ken Russel - brach sich der Dirigent Christoph von Dohnányi den Fuß. Erich Binder sprang ohne Probe ein und übernahm die Première und die weiteren Vorstellungen als Dirigent.
Musikalisch war es ein großer Erfolg. Dieser Faust blieb aber nicht nur wegen der Musik in Erinnerung. Die Inszenierung von Ken Russel war sehr - sagen wir einmal - progressiv. Er wurde bei der Première massiv ausgebuht. Er setzte eins drauf und zeigte dem Publikum seinen nackten Allerwertesten.
3. Musikstück: Gounod / Faust - Introduction (Overture)